Aufräumblues

Es sind wieder Zwischentage. Dem alten Jahr geht die Luft aus und das Neue verbreitet den Geruch frischgewaschener Wäsche. Seine Unversehrtheit gebietet, dass wir ihm geduscht, rasiert und mit aufgeräumter Festplatte begegnen.

Der Labtop ist dem mobilen Werktätigen Gedächtnis und Gewissen zugleich. Der zuerverlässige Chronologe und Sammler liefert ein umfassendes Psychogramm jedes Besitzers. Gerade zwischen den Jahren gewinnt man kurzzeitig den distanzierten Zugang zu diesem digitalen Selbst. Der so unverstellte Blick auf die Festplatte fährt ganz schön in die Knochen.

Was hat das Jahr wieder eine Dokumentenschwemme in verschiedensten Stadien des Verfalls gebracht: Eignes und Fremdes in wilder Unordnung. Bei vielem, weiss man, ist das Verfalldatum längst erreicht; dieses liesse sich bei guter Lagerung noch eine ganze Weile halten und jenes erinnert einen hinterhältig an Unerledigtes . Nur: Welches ist welches?

Alle hängen sie an ihrer elektronischen Existenz. Jedes Dokument raunt einem zu «Du wirst es bereuen, wenn Du mich fortwirfst. Bestimmt.» . Behalten? Ablegen? Und wo? Wie beschriftet? Oder doch besser und entschieden entsorgen?

Dann kommen die 127 neuen Bookmarks und dann der Turm von Emails und dann geht einem selbst die Luft aus und man denkt, das kieg ich nie alles aufgeräumt bis zum Champagner und Speicherkapazität kostet ja heute nichts mehr und das interne Suchprogramm macht sowieso einen Volltextindex damit man alles wieder findet wenn man es braucht und deutet das Wetter nicht eher auf einen Waldspaziergang und Schwupps!, schon hat alles in vier Ordnern Platz: «Bookmarks 2002» heisst der im Browser. «In 2002» bzw. «Out 2002» bei der Email und für den Rest der diesjährigen Dokumente muss «2002» reichen.

War doch wirklich keine grosse Geschichte. Und wie schön aufgeräumt wir plötzlich daherkommen, die Kiste und ich.


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