Fallrückzieher

Technologieversprechen sind Versprechen, mit all unseren Beschränktheiten aufzuräumen. Wir lieben diese Versprechen und widmen ihnen ganze Wirtschaftszyklen. Die Versprechen brauchen aber auch den Glauben an die Technologie. Die feste Überzeugung, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis keine Flugzeuge mehr abstürzen, die Wettervorhersagen stimmen und die Schiedsrichter keine Fehlentscheide mehr treffen. Zum Beispiel mit Hilfe von Video-Replay. Oder mittels Lichtschranken für den mit einem Chip ausgerüsteten Ball - oder besser den Chip-Fussballschuh. Bis hin zum Offside-Progrämmchen, das ausrechnet, ob bei der Ballabgabe wirklich noch ein gegnerischer Chip zwischen dem Tor und dem angreifenden Chip war.

Statt auf Schwalben im Strafraum würden sich die Spieler auf Chip-Manipulation spezialisieren. Man würde sich dann als Fussballklub ein paar Hacker halten, die drahtlos von den Zuschauerrängen her das Offside unterlaufen. Volkswirtschaftlich entstünde eine unglaublich dynamische Angriffsauslösung, müssten doch sämtliche Fussballklubs neben Lichtanlagen auch noch Lichtschranken installieren und alle Spieler mit drahtlosen Sendern ausrüsten. Es könnte sein, dass das der gesuchte Rettungsanker für die vorläufig letzte Mobilfunkgeneration ist.

Angekommen bei der perfekten Fussballgerechtigkeit, müssten wir dann jedoch auch einen Ersatz für die Fussball-WM suchen. Denn Unvollkommenheiten gehören zu uns wie der Stuhlgang. Eine Fussball-WM ist nichts anderes als das ritualisierte, befreiende und lebensnotwendige Erinnern an diese Beschränktheit. Glück spielt eine Rolle, und jeder stellt sich unter Druck anders und oft besonders ungeschickt an. Wir sind verletzbar, unvollkommen - und vergeben die dicksten Chancen.


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